Was geschieht mit der Zeit bei chronischem Stress?
Stress entsteht im Gehirn. Die Empfindung von Stress bedeutet ganz allgemein, dass die Anforderungen in einer Situation höher eingeschätzt werden, als die Energie, die zu ihrer Bewältigung vorhanden ist. Die Stress-Reaktion ist die Antwort des Körpers auf die Stress auslösenden Faktoren. Was geschieht im Gehirn und im Körper, wenn wir gestresst sind?
Durch Stress wird ein Überlebensprogramm gestartet, das vielfältige und unspezifische körperliche Reaktionen zur Folge hat. In der Steinzeit war dieses Programm überlebenswichtig. Das ist heute nicht mehr der Fall, aber das Programm läuft noch immer ab. Unsere Lebensbedingungen haben sich geändert, die Reaktionen sind geblieben.
Biologische Reaktion bei Stress
Es gibt bei Stress zwei Reaktionsabläufe, die Sympathikus-Nebennierenmark-Achse und die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinde-Achse.
Sympathikus-Nebennierenmark-Achse
Hierbei handelt es sich um die Sofortreaktion, eine Art Mobilmachung des Körpers. Gefahr im Verzug: Ein Knacken im Gebüsch verrät einen Bären vor der Höhle.
Der Reiz wird ins limbische System des Gehirns weitergeleitet. Die Amygdala hat hier die zentrale Rolle. In ihr sind alle alten Emotionsprogramme gespeichert. Im Gehirn wird in Millisekunden entschieden, ob es sich um eine lebensbedrohliche Situation.
Der Köper wird in sofortige Alarmbereitschaft versetzt, der Kampf-oder-Flucht-Mechanismus setzt ein, der Steinzeitmensch ist bereit zu kämpfen.
Der Sympathikus ist aktiviert:
- Puls- und Atemfrequenz werden beschleunigt
- Gehirn ist sehr gut durchblutet
- reduzierter Speichelfluss, trockener Mund
- Verdauungstätigkeit wird eingestellt (Verdauung hat keine Priorität)
- Blutgerinnungsfaktoren nehmen zu (damit man bei Verletzungen nicht verblutet)
- Herabsetzen der Schmerzempfindung
- Zucker- und Fettreserven werden mobilisiert (Energiebereitstellung)
- kalte Hände und Füße
- kurzfristig erhöhte Immunabwehr (damit Wunden sich nicht entzünden)
- Libido-Hemmung (jetzt geht es ums Überleben)
- Muskeln spannen sich an, bessere Reflexe (kämpfen oder flüchten)
Diese Alarmbereitschaft bleibt während der gesamten Bedrohungssituation bestehen. Diese Reaktion ist reflexhaft und daher bleibt keine Zeit nachzudenken.
Wenn die Bedrohung rasch bewältigt ist, der Bär also besiegt oder man selbst erfolgreich geflüchtet ist, nimmt die Reaktion schnell ein Ende. Die sympathische Aktivierung nimmt ab und der Körper beruhigt sich. Das Adrenalin im Blut wird durch den Kampf oder die Flucht schnell abgebaut.
Wenn es zu keiner schnellen Lösung kommt, die Bedrohung also bestehen bleibt (der Bär bleibt vor der Höhle), setzt nach etwa fünfzehn Minuten über einen komplizierten Mechanismus die zweite Stress-Achse ein:
Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinde-Achse
Auf dieser Stufe wird die Stress-Reaktion chronisch, der Körper richtet sich auf Dauerkampf ein (›Schützengraben‹).
Es werden Mechanismen zur Aufrechterhaltung der sympathischen Aktivierung in Gang gesetzt. Die Reizleitung erfolgt hier über Hormone (CRF, ATCH und Cortisol) und diese Reaktion ist deutlich langsamer als die Sofortreaktion. Das Ziel dieser Reaktion ist die Organisation von Energienachschub, sinnbildlich wie Krieger, die sich im Schützengraben auf einen längeren Kampf einrichten, oder in unserem Beispiel, wenn der Bär vor der Höhle sitzen bleibt. Welche Folgen hat das auf unseren Organismus?
Folgen von Dauerstress – wenn der Bär vor der Höhle bleibt:
- Das Gehirn ist nicht nur Ausgangspunkt von Stress-Reaktionen, sondern auch ein Zielorgan davon. Stress formt das Gehirn. Ein chronisch erhöhter Cortisol-Spiegel bewirkt je nach Dosis und Dauer nachhaltige Veränderungen von Nervenzellen, Immunabwehr und Stoffwechsel.
- Reduktion von Neurotransmitter-Rezeptoren (Serotonin, Dopamin und Noradrenalin). Folge davon sind Konzentrationsstörungen und Depressionen
- Degeneration neuronaler Strukturen (vor allem im Hippocampus) äussern sich als Vergesslichkeit und eingeschränkte kognitive Leistungsfähigkeit
- Schwächung des Immunsystems nach außen (→Infektionen) und innen (→Tumore); andererseits aber übersteigerte Immunreaktion gegen äußere Einflüsse (→Allergien)
- Verminderte Insulinwirkung führt zu erhöhtem Blutzuckerspiegel (später Diabetes), Übergewicht und Viszeralfett (Bauchfett)
- Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit und Herzinfarkt. Die bereitgestellten Zucker- und Fettreserven werden im modernen Büroalltag nicht mehr für einen physischen Kampf gebraucht, folglich nicht mehr abgebaut, und setzen sich deshalb an den Gefäßwänden der Arterien ab, wo sie zu Arteriosklerose und schließlich zu Herzinfarkt und Hirnschlag führen können.
- Störung der Verdauung.
- Muskulatur: Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, ›Weichteilrheumatismus‹.
- Verringerte Schmerztoleranz.
- Libido-Verlust, Zyklusstörungen, Impotenz, Infertilität.
Stress an sich ist nicht ungesund, sondern gehört zum Leben. Der Rhythmus von Aktivität und Passivität ist allgegenwärtig. Ungesund wird es, wenn Stress zum Dauerzustand wird. Das heißt, wenn die Stress-Hormone im Körper nicht mehr abgebaut werden können, bevor schon wieder die nächste Bedrohung (Stress) kommt. Der Bär bleibt so ständig vor der Höhle. Im Unterschied zur Steinzeit haben wir keine Bären mehr vor dem Haus und es ist ganz selten wirklich lebensbedrohlich. Trotzdem reagiert unser System noch genau so: Leben oder Tod. Der ›Bär‹ ist jetzt vielleicht der Chef, das nächste Jahresergebnis, der Aktienkurs, Ihr Perfektionismus etc.
Wenn Sie also seit mehreren Monaten oder Jahren im Dauerstress sind, wissen Sie jetzt, welche extreme Leistung Ihr Körper vollbringen muss und wie wichtig es ist, dass Ihr biologisches Stress-Reaktionssystem zur Ruhe kommt.